Gedanken eines Zeitgenossen zu Marx

Ausschnitt aus dem Werk ZUM ABSCHLUSS DES MARXSCHEN SYSTEMS (1896) von Eugen von Böhm-Bawerk
„Karl Marx ist als Schriftsteller ein beneidenswert glücklicher Mann gewesen. Niemand wird behaupten wollen, daß sein Werk zu den leicht lesbaren und leicht verständlichen Büchern gehört. Ein erheblich geringerer Ballast von schwieriger Dialektik und von ermüdenden, mit mathematischem Rüstzeug arbeitenden Deduktionen wäre für die meisten anderen Bücher zum unüberwindlichen Hindernis geworden, sich den Weg in das große Publikum zu bahnen. Marx ist trotzdem ein Apostel für weiteste Kreise und gerade für solche Kreise geworden, deren Sache sonst die Lektüre schwieriger Bücher nicht ist. Dabei waren seine dialektischen Argumentationen durchaus nicht etwa von einer fraglos bezwingenden Kraft und Klarheit. Im Gegenteile: Männer, die zu den ernstesten und würdigsten Denkern unserer Wissenschaft gehörten, wie Carl Knies, hatten vom ersten Augenblick an den gewiß nicht leicht zu nehmenden und mit gewichtigen Argumenten belegten Vorwurf erhoben, daß die Marxsche Lehre schon in ihrer Grundlage mit logischen und tatsächlichen Widersprüchen aller Art behaftet sei. Es hätte dem Marxschen Werke somit leicht begegnen können, daß es bei keinem Teile des Publikums eine gute Stätte gefunden hätte: bei dem großen Publikum nicht, weil es sich auf seine schwierige Dialektik überhaupt nicht verstand, und bei den Fachleuten nicht, weil es sich auf dieselbe und auf ihre Schwächen zu gut verstand. Tatsächlich ist es anders gekommen.
[…]
Das Marxsche System hat eine Vergangenheit und eine Gegenwart, aber keine dauernde Zukunft. Von allen Arten der wirtschaftlichen Systeme glaube ich, sind diejenigen am sichersten dem Untergange geweiht, die, wie das Marxsche, auf einer hohlen dialektischen Grundlage ruhen. Der Menschengeist läßt sich momentan, aber nicht dauernd von einer geschickten Rhetorik imponieren. Auf die Dauer kommen doch immer die Tatsachen, die solide Verkettung nicht von Worten und Phrasen, sondern von Ursachen und Wirkungen zur Geltung. Im Bereich der Naturwissenschaften wäre ein Werk wie das Marxsche heute schon eine Unmöglichkeit. In den sehr jugendlichen Sozialwissenschaften konnte es Einfluß, großen Einfluß erlangen, und wird ihn wahrscheinlich nur langsam, recht langsam verlieren. Langsam, denn es hat seine mächtigste Stütze nicht in den überzeugten Köpfen den Anhänger, sondern in ihren Herzen, in ihren Wünschen und Begierden. Auch hat es an dem großen Kapital von Autorität, die es sich bei vielen Leuten erworben hat, lange zu zehren.
[…]
Marx aber wird einen bleibenden Platz in der Geschichte der Sozialwissenschaften behaupten, aus denselben Gründen, mit demselben Gemisch positiven und negativen Verdienstes, wie sein Vorbild Hegel. Beide waren persönlich Denkgenies. Beide haben, jeder in seinem Bereich, einen ungeheuren Einfluß auf das Denken und Fühlen ganzer Generationen, fast kann man sagen, auf den Zeitgeist selbst gewonnen. Und ihr spezifisch theoretisches Werk war bei beiden ein äußerst kunstreich erdachtes, mit fabelhafter Kombinationskraft in zahllosen Gedanken-Etagen aufgebautes, mit bewundernswerter Geisteskraft zusammengehaltenes – Kartenhaus.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Follow

Get every new post delivered to your Inbox

Join other followers:

%d Bloggern gefällt das:
Zur Werkzeugleiste springen